Gedanken zum Palmsonntag

Prof. Dr. Dr. Elmar Nass von der Wilhelm Löhe Hochschule
Der Palmsonntag ist wie ein Spiegel unserer aktuellen Krisenzeit. Er markiert ein „Dazwischen“. Am Beginn stehen in der heutigen Liturgie noch Jubeltexte mit Palmzweigen. Jesus wird als Retter gefeiert. Seine Taten und seine Ausstrahlung begeistern die Menschen. Wir segnen die Zweige und freuen uns mit. Jubeln sollen wir. Dann aber kommt in der Liturgie wenig später die triste, lange Passion. Und anschließend die Karwoche. Am Ende der Woche steht zwar der Osterjubel. Aber jetzt am Palmsonntag dominiert zunächst der lange Schatten der Passion. Er lässt den Palmjubel verblassen. Und Ostern ist weit … In unserer Zeit der schrecklichen Pandemie stehen wir auch dazwischen: Zwischen einer Zeit davor, als vor wenigen Wochen noch alles unbeschwert schien und wir freudig den Frühling herbeisehnten. Und einer Zeit danach, die hoffentlich bald anbrechen wird.
Aber jetzt sind wir noch mitten drin, und der Schatten dominiert. Dunkle Nachrichten dieser Wochen werfen lange Schatten. Sorgen mischen sich mit Ängsten. Die Corona-Pandemie ist eine weltweite Katastrophe. Furcht vor der Ansteckung, Einsamkeit, materielle Existenznöte und vieles mehr bestimmen jetzt den Alltag, der alles andere als normal ist. Manche sehen darin ein Strafgericht Gottes oder gar das Ende der Welt. Andere fühlen sich von Gott verlassen. Gottferne ist eine allzu menschliche Versuchung in diesen Wochen. Noch nicht einmal öffentlich zugängliche Gottesdienste finden statt. Selbst ein Trauergottesdienst für den plötzlich verstorbenen Pfarrer Markus Goller konnte nicht stattfinden. Das hinterlässt zusätzlich Trauer und Schmerz. Es ist eine Zeit vieler Schatten … zwischen dem ‚Davor‘ und dem ‚Danach‘ …
Blicken wir doch einmal auf aus dem beherrschenden Schattenspiel der Gegenwart. Lassen wir den Blick zurückschweifen auf die Zeit davor. Wie war es da eigentlich? In der Zeit, als Corona uns noch nicht so nah kam. In der Dramaturgie des Palmsonntags müsste es bis Anfang März in unserem Land noch eine Zeit des Jubels und der Begeisterung unseres Glaubens gewesen sein. Mein Eindruck ist, dass auch vor Corona solch ausgelassene Freude über den menschgewordenen Gott nicht die Regel war. Leider standen schon da viele Zeichen der Zeit in Kirche und Glauben unter weniger hellen Sternen. Der Palmsonntag in der Zeit der Pandemie fordert uns zu einem Perspektivwechsel heraus: Gottvertrauen von ganzem Herzen und Glaubensfreude mit ganzer Seele sind der Auftrag dieses Tages für ein neues Christsein.
Was machen wir mit dieser Herausforderung? Der Auftrag lenkt unseren Blick nach vorne. Im Kirchenjahr auf Ostern hin. In der Pandemie auf die Zeit des Aufatmens, wenn der Virus endlich besiegt ist, auf das Aufstehen nach der Krise. Was dann? Wir packen wieder an. In China laufen schon wieder Container vom Stapel. Das Leben geht wieder seinen Lauf. Wir kehren zurück zum Alltag. Machen weiter so wie vorher. Die Begierde nach solcher Normalität ist trügerisch. Denn ein „Weiter so“ hieße auch, wir haben nichts gelernt. Es hieße: Weiter so geht es mit Gottferne in Gedanken und Gesetzen, mit Selbstausbeutung in vielen Berufen, mit der Ausgrenzung der Ärmsten und Ausbeutung der Schöpfung. Die Passion von Mensch und Schöpfung ginge weiter. Das kann nicht Ostern sein.
Ostern muss ein Neubeginn sein. Zeit zu einem neuen Menschsein mit Gott. In Verantwortung vor sich, voreinander und für die Schöpfung. Den Auftrag des Palmsonntags gilt es an Ostern einzulösen. Damit müssen wir heute beginnen, mitten im Schatten der Passion. Der Ansatz dazu lebt schon in uns. Denn der Heilige Geist lebt in uns. „Das Geheimnis der Erlösung ist Erinnerung“, so ein jüdisches Sprichwort. Erinnerung an das Nicht-Normale, an österliche Momente in unserem Leben. Glücklich kann sich schätzen, wer sie erlebt hat. Da setzen wir an, wo Sie und ich wirklich Leidenschaft für Jesus Christus erlebten. Da, wo wir Gott in der Schöpfung schon laut oder leise gepriesen haben. Wo wir den Heiligen Geist in Vergebung und Trost ganz nah an unserer Seite spürten. Wo wir voller innerer Freude Sakramente empfingen. Wo wir bewegt in wichtiger Entscheidung, Trauer und Sorge Jesu Hand spürten. Wo uns ein biblisches Wort innerlich aufgerüttelt, geschüttelt und ins Herz getroffen hat. Wo wir an einer Weggabelung unseres Lebens Gottes Hand im Spiel sahen. Wo wir uns im lebendigen Gespräch mit Jesus Christus herausfordern ließen. Wo wir die Kirche als ein offenes Tor zur Transzendenz erlebten. Wo sich in gesungenem oder gesprochenem Gebet unsere inneren Saiten mit denen der Engel vereinten. Das sind Momente der Gottesnähe, die unser Herz erwärmen, die uns erfüllen mit Dank und Hoffnung. Die uns jubeln lassen, mit Jesus und dem Heiligen Geist durch Licht und Dunkel zu gehen. Die Sehnsucht danach mag uns im Tiefsten schon lange miteinander verbinden. Und manche solcher Erfahrung kommt uns jetzt gerade wieder in den Sinn. Das wäre gut so! Dann hätten wir heute wirklich einen Grund zum Jubel. Trotz Passion und Schatten. Der Palmzweig wird uns daran erinnern, wann wirklich Ostern sein wird.