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Gedanken zum Karfreitag

Kreuz
Datum:
Veröffentlicht: 10.4.20
Von:
Franz Fellner

Prof. Dr. Dr. Elmar Nass von der Wilhelm Löhe Hochschule

Karfreitag 2020 – kein Tag im Kirchenjahr scheint besser die Empfindungen der Menschen heute zu treffen. Es ist ein Tag des Hinschauens, des Ringens und Zweifelns, aber auch ein Tag der Gefühle und des Vertrauens.

Hinschauen

Am Karfreitag schauen wir dem Dunkel ins Gesicht, den Schatten, den Ängsten, den Abgründen, dem Tod. Es gibt kein Ausweichen, kein Wegducken, kein Beschönigen. Schau nicht weg! Schau hin, sieh auf das Kreuz Jesu, entdecke Dein Kreuz, und das Kreuz der Welt. Schau hin und hinein und hindurch und spüre alles, was Du siehst und ahnst … Karfreitag ist ein Tag des Hinschauens:

Wir sehen in der aktuellen Krise schreckliche Bilder aus Nachbarländern. Wir trauern mit den Betroffenen und deren Familien. Manch einen trifft die Krankheit sogar in seinem Umfeld. Die Ausgangsbeschränkungen führen zu mehr Einsamkeit, gerade bei alten Menschen. Wir dürfen unsere Lieben nicht mehr besuchen. Egoistische Kräfte und Gewalt brachen sich Bahn, etwa in Supermärkten. In manchen Ländern werden alte Menschen nicht mehr behandelt. US-Präsident Trump wollte für Milliarden Dollar exklusiv alle Heilmittel für sich, wenn es sie gibt… Auch neben der Pandemie sehen wir in andere Abgründe: Heuschrecken in Afrika, Elendsviertel, Flüchtlingsnöte, die kranke Schöpfung, Verfolgungen, schwindender Gottglaube, Einsamkeit und Depression. Und auch die Dunkelheiten in uns selbst kommen in den Blick: unsere Schuld, unsere Fehler und Ängste …

Ringen und Zweifeln

Wir blicken in die Tiefe. Für Osterjubel ist heute noch kein Platz. Ungewiss ist, was nach dem Dunkel kommt. Vielleicht ein Licht, eine Brücke, eine Leiter, ein Wiedersehen, vielleicht eine Lösung, neues Leben, Vergebung, Trost. Vielleicht … Vielleicht aber auch nicht. Karfreitag ist ein Tag des Ringens und Zweifelns.

Keiner scheint in der Pandemie recht zu wissen, was wirklich hilft und wie es weitergeht. Hoffentlich bleiben wir verschont, und unsere Familien und Freunde. Und wenn es jemand trifft: Werden unsere Kranken wieder gesund? Hoffentlich steigt nicht die häusliche Gewalt an. Viele Menschen bangen um ihren Beruf und ihre Existenz. Wo soll das alles wirtschaftlich enden? Immer mehr Schulden: Wo führt das hin? Schulen zu und Bildung heruntergefahren: Kann das gut gehen? Und was erst, wenn die Pandemie weiter grassiert in den Slums und Armenvierteln der Welt? Wann hat das alles ein Ende? Werden wir Menschen etwas aus der Katastrophe lernen? Neben der Pandemie sind auch andere Zweifel im Blick: Wie geht es weiter mit all den weiteren Krisen der Welt? Wie finden sich wichtige Lösungen und Entscheidungen in Beruf, Familie und unter Freunden? Was wird aus der Kirche? Auch der Blick in uns hinein lässt uns ringen: Wie finden wir einen Weg aus unseren eigenen Ängsten, Defiziten und Verletzungen?

Gefühle und Vertrauen

In all dem Hinschauen, Ringen und Zweifeln sollten uns auch am Karfreitag nicht entgehen, dass wir in all dem nicht allein sind. Beschenkt ist, wer dazu Menschen an seiner Seite hat. Immer aber richtet sich der fragende Blick an diesem Tag auf das Kreuz. Es ist ein Dialog mit dem sterbenden Jesus einerseits, die Sehnsucht nach einem Licht nach allem Dunkel andererseits. Ehrliche Karfreitagsblicke gehen nie ins Leere. Sie sind ein Dialog mit Jesus und dem Heiligen Geist.

In diesem Dialog haben unsere Gefühle ihren Platz: Trauer und Tränen, vielleicht auch Wut, Zorn und Sorge. Vielleicht ein Achselzucken oder ein Kopfschütteln, ein leises oder auch lautes Schimpfen mit diesem Gott, den wir gerade nicht oder nicht richtig verstehen. All das geht nicht ins Leere, wenn wir auf das Kreuz schauen, hinschauen, hineinschauen, hindurchschauen und unser Gegenüber erahnen und spüren. Auch wenn Er nicht so antwortet wie ein Mensch, so ist es doch mit Gott ein Dialog der Gefühle. Ein Ausdruck von Vertrauen. Vielleicht sehen wir in solcher Geborgenheit auch das ein oder andere Licht in der Welt: In der Pandemie unermüdliche Helfer, Blutspender, die Helden des Alltags, den Segen des Papstes auf dem Petersplatz, Gesten des Miteinanders mit Glockengeläut und brennenden Kerzen, nette Worte für Ärzte, Pfleger und Verkäufer. Vielleicht sehen wir auch Lichter in den vielen anderen Krisen: Missionare in den Slums der Welt, Soldaten und Sanitäter im Einsatz für Freiheit und Gerechtigkeit, begeistert glaubende Christen, Freunde und Familien, die füreinander und für uns da sind u.v.a.m. Viele Lichtblicke können wir entdecken. Das macht sicher etwas Hoffnung in dieser Schattenzeit. Doch glaubendes Vertrauen ist noch viel größer als solche schönen Schimmer. Denn Gott ist jetzt mit uns. Im noch so großen Dunkel unserer Zeit sollten wir jetzt das Gespräch mit dem Kreuz suchen und auch weiterführen. Treten wir ins Gespräch mit Jesus und dem Heiligen Geist.

Dazu lade ich Sie ein: Nehmen Sie sich doch jetzt etwas Zeit für Ihre persönlichen Gedanken, Sorgen, Fragen, Zweifel, Gefühle, Hoffnungen, Sehnsüchte in dieser Zeit. Schauen Sie auf das Kreuz, mit all Ihren Zweifeln, Gefühlen und Ihrem Vertrauen. Schreiben Sie dann an Ihr göttliches Gegenüber einen Brief, ein Gedicht, ein Gebet. Malen Sie Ihm ein Bild. Fotografieren Sie Ihm ein Motiv. Komponieren Sie ihm ein Lied. Gestalten Sie ihm eine Plastik. Lesen Sie ihm etwas vor. Und dann schauen Sie nochmal hin.