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Du stellst meine Füße auf weiten Raum

Hungertuch
Datum:
Veröffentlicht: 1.3.21
Von:
Clemens Hafner

Eine Betrachtung von Clemens Hafner

In der Fastenzeit, den Wochen zwischen Aschermittwoch und Ostern, finden sich in vielen Kirchen sogenannte Hungertücher, die zum Nachdenken über den Glauben anregen wollen. Das diesjährige Hungertuch des kirchlichen Hilfswerks "Misereor" der chilenischen Künstlerin Lilian Moreno Sánchez trägt den Titel "Du stellst meine Füße auf weiten Raum" und beeindruckt durch seine Verbindung von biblischer Zusage und gegenwärtigen Unrechtserfahrungen.

Der 31. Psalm ist das Gebet eines Menschen in auswegloser Situation. Gefangen im Netz von Anfeindung, Spott und Gewalt fleht einer um Schutz und Zuflucht bei Gott. Und mitten im Wortschwall des Leides erinnert sich der Beter im 9. Vers daran, dass es auch ganz anders sein kann, dass Gott einer ist, der den Füssen weiten Raum schenkt.

„Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ - so lautet auch der Titel dieses Hungertuches, der Bezug nimmt auf diesen Psalm.

Wir sehen drei bemalte weiße Felder, aus denen sich ein großer Fuß zusammensetzt. Es ist der Fuß einer Röntgenaufnahme. Man sieht den Unterschenkelknochen rechts, das Fußgelenk, den Spann und schließlich links die Glieder der Zehen. Dier Künstlerin hat die Röntgenaufnahme mit schwarzer Kohle übermalt. Die verworrenen gekräuselten Linien geben dem Bild etwas dunkles schmerzvolles aber auch etwas dynamisches, bringen es in Bewegung. Der Fuß stammt von einem Menschen, der 2019 in der Hauptstadt Santjago de Chile gegen bestehende soziale Ungleichheit und Menschenrechtsverletzungen demonstrierte und von der Militärpolizei verletzt worden war.

Die weißen Bettlaken stammen aus einem bayrischen Krankenhaus und aus einem Frauenkloster und erinnern an kranke Menschen, krank an Leib oder Seele, die darin gelegen und ihre Spuren hinterlassen haben. Gelber Schmutz von Körpersekreten, der nicht mehr herausgewaschen werden konnten, und Schmutz von der Strasse, den die Künstlerin auf dem Platz in Santjago in das Tuch hineingerieben hat, auf dem auch der Demonstrant verletzt wurde.

Und wir sehen Blumenmuster, die zum Stoffmuster des Bettlakens gehören und die die Künstlerin mit Blattgold hervorgehoben hat. Sie will damit sagen: auch im größten Leid ist die Kraft und Schönheit des Lebens nicht aufgehoben, nicht gänzlich verschwunden. Sie ist nur verborgen und manchmal nicht sichtbar.

Ein Fuß, verwundet, gebrochen zwar, aber auch Bild für einen konkreten Menschen mit einer Lebens- und Leidensgeschichte, mit Überzeugungen, für die er auf die Straße ging in der Hoffnung auf Gerechtigkeit und Solidarität, auf Weite und Freiheit des Lebens.

Auch unser Leben in der Coronakrise ist in weiten Teilen eingeschränkt. Menschen leiden in verschiedenster Hinsicht unter dieser Krise, verlieren ihre Gesundheit, nicht selten ihr Leben, aber auch ihren Beruf, ihre Existenz, den Kontakt zu Mitmenschen.

Wir alle sehnen uns nach Raum, nach Weite, nach Zukunftsperspektiven über die Krise hinaus. Und so ist dieser verletzte Fuß auch ein Sinnbild für uns selbst, dafür, dass wir standhaft bleiben, uns auf die Füße stellen, wieder festen Boden unter den Füssen gewinnen und gleichzeitig die stützen, denen die Füssen gebrochen wurden.

„Du stellst meine Füße auf weiten Raum“. Der Beter des Psalms behauptet mit seinen Worten trotzig, dass es einen Gott gibt, der noch einmal für einen ganz anderen Teil der Wirklichkeit einsteht, der einen Raum des Lebens eröffnen kann jenseits dessen, was gerade mächtig ist. Mit dieser Hoffnung und gleichzeitigen Sehnsucht sind wir eingeladen, in diese Fastenzeit hineinzugehen mit dem Ziel, der Auferstehung entgegenzugehen, nicht nur im Jenseits sondern bereits in diesem Leben, das uns zu leben aufgegeben ist.