Auf die Stimme hören

Pastoralreferent Clemens Hafner in St. Marien Langenzenn
Auf die Stimme hören - zum 4. So. I. Jahreskreis
Clemens Hafner
Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer,
Jetzt sieht man sie wieder auf den Wiesen: Schafe mit ihrem Hirten. Mittlerweile ein immer seltener werdendes Bild in unserer Landschaft, aber bei uns in Franken gibt es sie noch. Gern hätte ich mit so einer Schafherde im Hintergrund zu ihnen gesprochen, aber das schlechte Wetter hat mich in mein Büro zurückgetrieben. So zeige ich Ihnen wenigstens dieses Bild.
Viele von uns kennen ein Leben in freier Natur nur noch vom Wandern am Wochenende oder im Urlaub. Wir verbinden damit meistens schöne Stimmungen, romantische und idyllische Landschaften. Wenn dann noch eine Schafherde durchs Bild läuft, ist alles perfekt.
Uns ist aber gar nicht mehr bewußt, dass ein Leben draußen auch gefährlich sein kann. Der Hirte, so erzählt es Johannes zum Nachlesen im 10. Kapitel seines Evangeliums, kennt seine Schafe alle beim Namen, er geht ihnen voran und die Schafe folgen ihm. Er passt auf sie auf, dass sie nicht wilden Tieren zum Opfer fallen. Damit das klappt, müssen die Schafe mit dem Hirten vertraut sein. Sie müssen ihn kennen, und das geschieht über seine Stimme.
Die Stimme ist etwas ganz persönliches, unverwechselbares. An die Stimme eines Menschen kann man sich noch über seinen Tod hinaus erinnern. Ich kenne noch Gut den Klang der Stimme meiner verstorbenen Mutter oder meiner Großeltern, weiß noch um typische Sätze und Redewendungen.
In den Auferstehungserzählungen der Evangelien geht es auch oft darum, woran die Jünger den auferstandenen Jesus erkennen. Niemals ist es sein Aussehen allein sondern immer sind es vertraute Gesten, das Brotbrechen, der Friedensgruß, oder eben auch die Stimme, die die Jüngerinnen und Jüngern erkennen lassen, dass Jesus es ist. Maria von Magdala meint, der Friedhofsgärtner oder gar der Totengräber steht vor ihr, doch als Jesus ihren Namen sagt, fällt es ihr wie Schuppen von den Augen. Um dem Auferstandenen zu begegnen, braucht es also so etwas wie eine Neuausrichtung der Sinne.
Wie geht es uns heute damit? Viele empfinden neben den persönlichen Entbehrungen diese gottesdienstlose Zeit in den Kirchen als eine Leere, als Fehlen dessen, was am wichtigsten ist. Und sie sehnen es herbei, dass endlich wieder Gottesdienst gefeiert werden kann. Aber ist diese Zeit, und sie kann ja auch noch andauern, wirklich nur eine verlorene, eine leere Zeit, ein zeit der Entbehrung? Versiegt Gottes Stimme, wenn der Kirchenbetrieb ruht? Ich habe die vergangenen Wochen auch als geschenkte Zeit der nachdenklichen Stille erleben dürfen. Und viele von Ihnen haben die Zeit auch für einen Kirchenbesuch genützt. In einer stillen und leeren Kirche zu sitzen bedeutet nicht, dass Gott fehlt. Im Gegenteil.
Ich sehe und höre die Stimme des Hirten sagen: Schließt Eure Augen. Fresst Euch einmal nicht satt an der Fülle, sondern versucht, dem nachzuspüren, was ihr jetzt im Inneren fühlt. Spürt dem nach, was die vergangenen Wochen mit Euch gemacht haben. Was ihr wirklich braucht und was ihr vielleicht gar nicht vermisst habt von dem, was immer um euch war, sei es in Eurem persönlichen Umfeld, in Euren Beziehungen, und auch in Eurem Glaubensleben, in Euren kirchlichen Bezügen.
Haben sich manche Dinge in diesen Tagen relativiert und erübrigt, die bisher ein Problem waren? Gibt es etwas, das noch immer bejammernswert ist? Seid ihr immer noch vor allem in Sorge darüber, dass Kirchenbänke am Sonntag leer oder zumindest gelichtet sind wie übrigens auch schon vor Krise, oder gibt es wichtigeres? Vielleicht, dass Menschen überhaupt gesund bleiben und überleben? Dass sie ein Leben füreinander führen, wo und wie auch immer?
Was meint das Evangelium damit, dass die Schafe die Stimme ihres Hirten kennen und ihm folgen? Kennen wir seine Stimme wirklich?
Auf die Stimme des Hirten hören – das ist keine Ansage eines Stadionsprechers, dass jetzt die Mannschaften nach langer Spielpause wieder einlaufen können. Auf die Stimme des Hirten hören ist ein viel tiefer greifender Akt des In Sich Hineinhörens jenseits der Alltagsroutine. Welchen Weg soll ich gehen in diesen Tagen und Zeiten? Ist mein Leben wirklich so leer, nur weil es keine Gottesdienste gibt? Wo wohnt Gott? In der Kirche? In mir? In den Menschen, denen ich begegne? Was bedeutet der Stillstand dieser Tage für mich? Wo höre ich Gottes Stimme noch? Was will Gott von mir ganz persönlich? Was macht mein Leben reich?
Clemens Hafner, Pastoralreferent in St. Marien Langenzen